WAZ. Gleich doppelt Grund zum Feiern gab’s am Mittwoch für den Verein „Etiopia Witten“ im Rathaus: Für seine Verdienste bei der Durchführung von Hilfsaktionen wurde Solomon Assefa von Bürgermeisterin Sonja Leidemann geehrt. Außerdem unterzeichnete sie gemeinsam mit ihrem Amtskollegen aus der Stadt Mekelle, Daniel Assefa, eine Absichtserklärung: Die Stadt soll die achte offizielle Partnerstadt Wittens werden. Im Januar soll ein entsprechender Beschluss vom Rat der Ruhrstadt gefasst werden.

Es ist lange her, seit zum letzten mal ein entsprechender Vertrag geschlossen wurde – mit dem polnischen Tczew im Mai 1999. Mit Mekelle kommt nun die erste afrikanische Stadt dazu. Der Verein „Etiopia“, der seit 2008 dort Entwicklungshilfe-Projekte aufbaut, hat dafür bei den Ratsmitgliedern ordentlich die Werbetrommel rühren müssen: „Am Anfang war es ein bisschen holprig“, sagt Kurt-Martin Schmelzer vom Verein „Etiopia Witten“. „Inzwischen gibt es aber einen breiten Konsens aller Fraktionen.“ Er versichert, auf die Stadt kämen durch die neue Partnerschaft praktisch keine Kosten zu. „Uns vom Verein hilft der offizielle Status hingegen enorm – vor allem wenn wir Container in das Land schicken wollen.“ Sehr erfreulich sei aber auch die symbolische Anerkennung der geleisteten Arbeit und der tiefen, gewachsenen Verbindung zwischen den Städten.

Verbindung zwischen Menschen

Die betonte auch Bürgermeister Daniel Assefa in seinen Dankesworten: Die Verbindung zwischen Witten und Mekelle sei zwar eine zwischen Städten. „Was aber nochviel wichtiger ist. Es ist eine zwischen Menschen.“ Er sei zuversichtlich, dass die weitere Zusammenarbeit für die Bürger beider Städte von Nutzen sein werde.

Die offizielle Urkunde konnte er zwar noch nicht mit nach Hause nehmen, dafür aber die feierlich unterzeichnete Absichtserklärung, die Münze mit Berger-Denkmal und das neue Witten-Buch, das zum 800-Jahr-Jubiläum erschienen ist. Die gleichen Geschenke bekam auch sein Namensvetter Solomon Assefa, der bei der Feierstunde für seine Verdienste um den Verein „Etiopia Witten“ geehrt worden war: „Ohne seinen Einsatz wäre die Ausrüstung und Weiterentwicklung von Krankenhäuern und Schulen in der Region nicht möglich“, lobte Theo Püplichhuisen in seiner Laudatio auf den Vorsitzenden des Vereins „Entwicklungsinitiative für Tigray in Deutschland“, der in Frankfurt lebt und arbeitet. Der Geehrte freute sich sichtlich: „Ich bin stolz und glücklich – in meinem Land habe ich eine solche Auszeichnung noch nicht bekommen.“ Vielleicht wird das ja noch: Der Bürgermeister von Mekelle zumindest hat es nun gehört...

Zusammenarbeit in vielen Bereichen

Angefangen hat die Arbeit in Mekelle nach einer privaten Reise von etwa 40 Wittenern im Jahr 2008. Zunächst wurde mit medizinischen Projekten begonnen. Hilfsgüter wurden gesammelt und nach Äthiopien transportiert. Der Verein übernimmt die gespendeten Güter vor Ort, sorgt für sachgerechte Aufstellung und Funktionsfähigkeit. Außerdem wird das Personal auf die Geräte geschult.

Inzwischen geht die Projektarbeit weit über die Medizin hinaus: „Etiopia Witten“ unterstützt mehrere Schulen in der Region Tigray, setzt sich dafür ein, dass Kinder, die bislang unter Bäumen unterrichtet wurden, feste Schulgebäude bekommen.

Auch kulturell findet ein Austausch statt: Musiker aus Witten haben in Mekelle ein Konzert gegeben, ein weiterer Austausch ist geplant. Die Unis von Witten und Mekelle arbeiten bereits zusammen, die Verbindung soll weiter ausgebaut werden. Ein Projekt liegt Kurt-Martin Schmelzer besonders am Herzen: Die Anschaffung und Verbreitung von Kompost-Toiletten, die Fäkalien in wenigen Wochen in wertvollen Humus umwandeln. „Die könnten die Welt verändern.“

Gute Nachricht gestern im Rathaus: Am Dienstag fand im Herz-Katheter-Zentrum im Mekelle, das in den letzten Jahren mithilfe von „Etiopia“ aufgebaut worden war, die erste Untersuchung statt.

Mit Beauvais fing alles an

Sollte der Rat im Januar zustimmen, wäre Mekelle die Städtepartnerschaft Nummer acht für Witten. Offizielle Verbindungen bestehen außerdem zu der französischen Stadt Beauvais, der englischen Stadt Barking/Dagenham, der österreichischen Gemeinde Mallnitz, dem israelischen Kreis Lev Hasharon, der Stadt Bitterfeld-Wolfen (in Sachsen-Anhalt), der russischen Stadt Kursk und der polnischen Stadt Tczew. Außerdem besteht noch eine Städtefreundschaft mit der nicaraguanischen Stadt San Carlos, die aber eventuell auch zu einer offiziellen Partnerschaft werden soll.

Nach den schrecklichen Erfahrungen des Krieges sollten durch Kontakte zu anderen Städten und Gemeinden im In- und Ausland freundschaftliche Beziehungen zu gepflegt werden. So beruhen beispielsweise die ersten Kontakte zur englischen Partnerstadt Barking & Dagenham aus der Zeit unmittelbar nach Kriegsende. Der erste reguläre Partnerschaftsvertrag wurde aber erst 1975 mit Beauvais unterzeichnet, 1979 folgten dann bereits die Engländer.

Die Städtepartnerschaften leben vom Engagement der Bürger. In Vereinen, Schulen und Organisationen wird der Austausch zwischen Witten und den Partnerstädten gefördert. Über die Jahre sind auf diese Weise viele intensive Freundschaften über die verschiedenen Ländergrenzen hinweg entstanden.

WAZ-Bericht von Britta Bingmann

 

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